„Geht's dir wieder besser?“ – Warum diese Frage für Trauernde so schwer zu beantworten sein kann
Doch genau diese Fragen können einen Menschen in Trauer tief berühren. Denn Trauer verändert Bedeutungen – auch die von scheinbar einfachen Worten.
Die folgenden Gedanken stammen von einer Mama aus unserer Gemeinschaft und sie beschreiben ein inneres Gespräch, das auf eine einzige Frage folgt.
Vielleicht erkennst du dich darin wieder. Möglicherweise hilft dir der Text aber dabei, einen trauernden Menschen besser zu verstehen.
"Die Frage der Woche: 'Geht’s dir wieder besser?'
Und meine Antwort in Form eines Gespräches aus meinem Inneren:
Ok, es scheint lieb gemeint zu sein.
Gut, sie weiß es nicht besser. Ist ja auch richtig lieb, dass sie fragt. Überhaupt fragt und sich bemüht. Sie will Kontakt. Ein Versuch. Woher soll sie es auch besser wissen. Das ist ja ok. Sei liebevoll mit ihr. Es ist ein liebes Kontaktangebot.
Wie dumm!
Wie kann man überhaupt sowas fragen? Sie hat absolut GAR keine Ahnung. Oh Gott, wo soll ich anfangen??? Keine Ahnung. Natürlich NEIN. Und NIEMALS und ich will das auch nicht. Warum auch? Und jetzt schau mich bloß nicht mit großen verschreckten Augen an! Ich werde gleich richtig wütend. Und verzweifelt. Und richtig schlimm traurig. Und dann bist du überfordert und ich habe den Salat. Ich bin am Boden und du bist verstört. So eine Scheiße! Die absolut dümmste Frage ever und absolut unnötig.
Hm. Was ist mit 'wieder' gemeint.
Also wieder, so wie vorher? Vielleicht vor der Geburt? Oder dem Tod meines Babys im Bauch? Oder ab dem Frauenarzttermin, als ich erfahren habe, dass mein Baby Wasser im Körper hat? Möglicherweise ist damit der Zustand gemeint, bei dem ich dachte, dass ich eine glückliche Schwangerschaft, Geburt und ein Baby in den Händen halten darf, welches lebt, wächst und gedeiht? Oder die Zeit davor? Also bevor ich überhaupt schwanger war? Wo ich noch nichts wusste, also nichts? Vielleicht denkt sie an einen Moment, in dem ich leichten Schrittes in das Zimmer gekommen bin und etwas Lustiges erzählt habe. Aber das bin ich ja gar nicht. War ich ja noch nie. Hm also da gibt es ein paar Rückfragen aus meinem Inneren.
Dann das Wort 'besser'.
Puh, ok. Besser als was? Also ich habe gelernt, es gibt gut, besser, am besten. Es gibt ja auch noch schlecht, schlechter, am schlechtesten. Was sind das für Zustände? Existieren sie immer als entweder oder? Oder geht auch besser-am schlechtesten?
Ok, also bleiben wir mal beim besser. Wann ist etwas besser. Zum Beispiel habe ich einen Schnupfen und bekomme, um jetzt mal in den Stufen zu bleiben, gut Luft. Das ist ja was. Aber nach drei Tagen bekomme ich besser Luft. Ja. Das verstehe ich. Ich kann auch schlecht Luft bekommen und irgendwann gut. Da komme ich mit. Das könnte ich jetzt auch mit einem gebrochenen Bein durchgehen...
So jetzt zum 'besser' für den Moment. Bedeutet es also, dass es mir vorher schlecht ging? Eine Zeit mit vielen Seiten, die ich AUCH erlebt habe. Die Zeit, in der mein Baby in meinem Bauch gelebt hat, ich viele richtig schöne Dinge mit ihr erlebt habe, ihr Herz hören durfte, mein Bauch gewachsen ist. Ich eine tiefe Liebe gespürt habe, die ich nur zu meinem Kind spüren kann.
Die Geburt, eine Geburt mit so viel Liebe, Gefühl und Momente von Schutz und Dankbarkeit. Und alle die Menschen, die mich begleitet haben. Mit Liebe, Einfühlsamkeit, Tiefe, Zeit und immer mit dem Ziel, dass ich meinen Weg, unseren Weg, gehen kann. Ich habe eine Dankbarkeit, die ich nicht in Worte fassen kann. Und jetzt soll es mir 'besser' gehen?
So, jetzt steht sie aber da und vielleicht kannst du was sagen? Das ist hilfreich. Hilfreich für dich, weil du dann aus der Situation raus bist und später nichts aufklären musst. Und auch für die andere Person. Es hilft nichts.
Nehmen wir einen guten Tag:
'Danke, dass du mich fragst. Es fällt mir schwer, die Frage zu beantworten. Ich habe so viel Gleichzeitigkeit erlebt, dass ich gar nicht sagen kann, dass es mir besser geht. Aber es ist so, dass ich auch wieder an andere Dinge denken kann und ich bin offen für mein Gegenüber und das, was um mich herum ist. Es ist wieder ein mehr in meinem Leben und das ist schön.'
Ein schlechter Tag:
'Diese Frage kann ich nicht beantworten. Sorry.'
Ich drehe mich um, laufe weg und weine.
Ich weine vor Hilflosigkeit, vor Wut und vor Trauer. Ich vermisse mein Baby. Und ich möchte nicht mehr aufklären.
Vielleicht fragst du mich nächstes Mal:
'Wie geht es dir heute?', 'Wie geht es dir gerade?'
Das würde mir leichter fallen zu beantworten. Danke."
Gedanke zum Mitnehmen
Jeder Mensch trauert anders. Deshalb gibt es auch keine Fragen oder Antworten, die immer passend sind.
Was bleibt, ist die Bereitschaft, miteinander in Verbindung zu bleiben – auch dann, wenn Worte fehlen.
Wenn du ebenfalls um ein frühverstorbenes Kind trauerst, interessieren dich möglicherweise diese Angebote:
- Trauerbegleitung: Wenn du dir einen geschützten Raum für deine Gedanken und Gefühle wünschst, wäre unsere Trauerbegleitung eine Möglichkeit.
- Selbsthilfegruppen: Für Begegnungen mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Hier sind unsere Selbsthilfegruppen aufgelistet.
- Patenschaftsprogramm: Wenn du dir Begleitung durch einen Menschen wünschst, der diesen Weg selbst gegangen ist, kann eine Trauer-Patenschaft für dich passend sein.
Du musst diesen Weg nicht allein gehen.
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