Fast jede Hebamme begleitet im Laufe ihres Berufslebens Familien nach einer Fehlgeburt. Und doch erzählen viele Kolleginnen, dass genau diese Begleitungen zu den Situationen gehören, auf die sie sich am wenigsten vorbereitet fühlen.
Zu Beginn sind sie oft noch unsicher, weil ihnen die Erfahrung fehlt, nach einigen Malen merkt man zusätzlich, dass jede Familie anders auf diese Situation reagiert.
Es ist jedes Mal das frühe Ende einer Schwangerschaft.
Hier braucht es eine gute Begleitung während der (kleinen) Geburt und zusätzlich einen Abschied.
Es gibt keine Worte, die immer passen. Keine Begleitung, die sich von einer Familie auf einen andere übertragen lässt. Doch das ist genau die größte Stärke der Hebammenarbeit in diesen besonderen Situationen. Sie beginnt mit dem Menschen, der ihr gegenübersitzt und die Welt nicht mehr versteht.
Jede Fehlgeburt ist auch eine Geburt
Eine Fehlgeburt verändert vieles. Für die Familie. Für den Körper der Frau. Aber auch für die Zukunft.
Mit der Diagnose beginnt nicht nur ein Abschied. Auch der Körper macht sich auf den Weg einer Geburt.
Einige Frauen erleben diesen Prozess innerhalb weniger Stunden. Andere warten Tage oder Wochen, bis es losgeht. Andere entscheiden sich für Medikamente oder einen operativen Eingriff.
Jede Situation ist anders. Und doch verbindet alle eines: Zu jeder Schwangerschaft gehört eine Geburt. Und zu jeder Geburt gehört ein Wochenbett.
Dieses Verständnis hilft Familien, das eigene Erleben besser einzuordnen. Gleichzeitig eröffnet es Hebammen die Möglichkeit, ihre Begleitung auf den gesamten Prozess auszurichten – körperlich, emotional und mit dem Blick auf die Zeit danach.
Zwischen Erfahrung und neuen Herausforderungen
Die Begleitung früher Fehlgeburten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Immer mehr Frauen lehnen einen operativen Eingriff ab. Dies war der standardisierte Umgang mit der Diagnose “"missed abortion". Aufgrund dessen fehlt im medizinischen Kontext das Wissen über den Umgang einer physiologischen Fehlgeburt.
Gleichzeitig begegnen viele Hebammen Situationen rund um kleine Geburten heute häufiger als früher. Manches Wissen wird deshalb nicht mehr selbstverständlich im Berufsalltag weitergegeben.
Viele Fragen entstehen erst in der konkreten Begleitung, wie z.B.:
- Wie viel Zeit darf eine Familie bekommen?
- Welche Informationen helfen wirklich?
- Wie kann Sicherheit vermittelt werden, ohne unnötige Ängste zu verstärken?
Die Fragen zeigen keine Unsicherheit in der eigenen Kompetenz. Sie zeigen, wie verantwortungsvoll Hebammen Familien begleiten.
Familien wünschen sich Orientierung
Wenn Familien von ihrer Fehlgeburt erzählen, sprechen sie selten zuerst über medizinische Maßnahmen. Sie erzählen:
- von dem Moment der Diagnose
- von den vielen neuen Begriffen
- von Entscheidungen, die sich plötzlich schwer anfühlen
- und von der Frage, ob sie überhaupt eine Wahl haben
Hebammen können in diesen Momenten einen wichtigen Unterschied machen.
Sie helfen dabei, Informationen einzuordnen, sie schaffen Raum für Fragen und sie begleiten Entscheidungen, ohne sie vorzugeben.
Viele Familien erleben genau diese Haltung als entlastend. Orientierung entsteht schließlich dort, wo Menschen sich gesehen fühlen und ihre eigenen Antworten finden dürfen.
Wissen wächst, wenn wir Erfahrungen teilen
Niemand muss jede Erfahrung allein sammeln.
Gerade die Begleitung nach einer Fehlgeburt lebt vom Austausch. Von Fragen. Von Fallbeispielen. Von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Und von den Erfahrungen anderer Kolleginnen.
Mit unserem hessenweiten Hebammennetzwerk, das wir als Qualitätszirkel anbieten und somit Fortbildungspunkte ermöglicht, möchten wir genau diesen Raum schaffen:
- Wir teilen Wissen
- Wir sprechen über Herausforderungen
- Wir diskutieren Leitlinien
- Wir lernen voneinander
- Wir stärken uns gegenseitig in einer Begleitung, die Familien Sicherheit und Vertrauen schenkt.
Gemeinsam Familien begleiten
Unser Wunsch ist, dass Familien in ganz Hessen – unabhängig von ihrem Wohnort – eine Hebamme finden, die sie auch während und nach einer Fehlgeburt begleitet.
Dafür braucht es Fachwissen, Erfahrung, Offenheit und Menschen, die bereit sind, voneinander zu lernen.
Wenn du als Hebamme Familien bei oder nach einer Fehlgeburt begleiten oder dich diesem Thema stärker widmen möchtest, laden wir dich herzlich ein, Teil unseres Hebammennetzwerks zu werden.
Hebammennetzwerk Hessen
Zweimal im Jahr treffen sich Hebammen online, um Erfahrungen auszutauschen, aktuelle Entwicklungen zu besprechen und sich gegenseitig in der Begleitung von Familien zu stärken.
→ Mehr zum Hebammennetzwerk
Hebammen Workshop am 24.11.2026
Der praxisorientierte Workshop ist für Hebammen geeignet, die fundiertes Wissen zum frühen Kindstod erhalten möchten. Es wird praxisnahes Wissen über den frühen Verlust, Umgang mit Trauer und rechtliche Grundlagen sowie Reflexion der eigenen Haltung und Selbstschutzstrategien vermittelt.
→ Mehr Informationen und Anmeldemöglichkeit erfahren
Letztlich brauchen Familien Menschen, die sie begleiten. Und Hebammen brauchen Orte, an denen sie Erfahrungen teilen, Fragen stellen und gemeinsam wachsen können.
Genau dafür möchten wir Raum schaffen.
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