403 Menschen gemeinsam auf dem Römer. Mitten in Frankfurt am Main. Wir verteilen gelbe Luftballons, die Red Stompers machen ihren Soundcheck. Zum ersten Mal begleitet uns ein kleines Technikteam. Es verstärkt die Musik und die Worte, die an diesem Tag gesprochen werden.
2024, beim ersten „Lauf für mehr Licht“, standen 75 Menschen auf dem Römer. Heute sind es 403.
Und ich denke: Wie gut, dass unsere Worte inzwischen verstärkt werden. Damit wir gehört werden.
Mitten in Frankfurt. Mitten in unserer Gesellschaft.
Obwohl hier so viele Menschen stehen, bin ich überraschend entspannt. Vielleicht gerade, weil wir gewachsen sind. 2024 waren Claire und ich zu zweit im hauptamtlichen Team. Wir hatten diese Idee, fanden sie ein bisschen verrückt und dachten gleichzeitig: Warum nicht an diesem Tag und an diesem Ort sichtbar machen, was so oft unsichtbar bleibt.
Zwei Jahre später tragen so viel mehr Menschen diesen Tag mit uns. Weitere fünf Hauptamtliche und dazu die große Unterstützung durch die Ehrenamtlichen unseres Vereins.
Auch der „Lauf für mehr Licht“ ist gewachsen. Menschen erzählen uns, dass sie mehrfach davon gelesen oder im Radio, z.B. beim Sonntagstalk mit Bärbel Schäfer, davon gehört haben.
Dann stehe ich, nach einem kurzen Interview mit der Frankfurter Rundschau in einer Seitengasse, mitten auf dem Römer vor 402 Menschen. Gleich darf ich sprechen.
Ich schaue in die Menge und bin berührt davon, wie viele Menschen gekommen sind. Betroffene Familien, Angehörige, Fachpersonen, Mitfühlende. Menschen, die dieses Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven kennen.
Und gleichzeitig weiß ich: Wir sind noch viel mehr. Eigentlich sollte niemand von uns hier stehen müssen. Niemand möchte, dass Kinder viel zu früh sterben. Und doch passiert es jeden Tag. Deshalb ist es wichtig, dass wir heute hier stehen.
2003 war ich mit meiner Trauer allein
In diesem Moment, vor all den Menschen stehend, muss ich an das Jahr 2003 denken.
Ich war 16 Jahre alt und ungewollt schwanger. Und gleichzeitig habe ich mich auf das Kind gefreut, das in mir gewachsen ist. Dann, viel zu früh, hat sein Herz aufgehört zu schlagen. Mit meiner Trauer war ich ganz allein.
Die meisten Menschen wussten nicht, dass ich schwanger war. Einige waren sogar erleichtert, dass ich nicht so früh Mutter geworden bin. Und doch bin ich Mutter geworden. Mutter eines unsichtbaren Kindes.
2003 hätte ich mir niemals vorstellen können, eines Tages mit Hunderten Menschen mitten in Frankfurt an früh verstorbene Kinder zu erinnern. Heute stehen wir zusammen hier. Sichtbar für alle.
Das geht nur gemeinsam.
Gemeinsam mit dir
"Gemeinsam mit dir” - das ist unser Leitmotiv für diesen besonderen Tag. Und so laufen wir gemeinsam vom Römer los und gehen durch die Straßen Frankfurts. Dabei wird spürbar, was damit gemeint ist. Die U-Bahn wartet für uns. Autos halten an. Kreuzungen werden für uns freigehalten. Für einen Moment macht die Stadt Platz für unsere Kinder. Wir sind sichtbar. Alle gemeinsam.
Unterwegs begegne ich Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch in diesem Moment miteinander verbunden sind.
Ich spreche mit einigen Betroffenen. Bei einem Elternpaar starb das Kind vor 30 Jahren, beim anderen vor genau einem Jahr. Eltern und Großeltern gehen neben Fachpersonen, Mitfühlenden und Menschen, die mehr über das Thema erfahren möchten.
So viele unterschiedliche Geschichten und Lebensrealitäten. Dennoch gehen wir an diesem Tag ein Stück des Weges gemeinsam. Gemeinsam mit unseren Kindern, die für immer zu uns gehören.
Ein Lichtermeer für unsere Kinder
Am Hauptfriedhof versammeln wir uns um das Grabfeld „Ein Hauch von Leben 2“. An diesem räumlich begrenzten Ort wird besonders deutlich, wie viele wir in diesem Jahr sind. Ich frage mich, ob wir uns im nächsten Jahr erneut hier versammeln können, wenn wir noch mehr werden.
Menschen aus unserer Gemeinschaft sprechen über Gefühle, die Trauer mit sich bringt: Liebe. Traurigkeit. Wut. Neid. Schuld. Hoffnung. Dankbarkeit.
Alles darf nebeneinander bestehen.
Auch das bedeutet „Gemeinsam mit dir“Gemeinsam auszuhalten, was schwer auszuhalten ist. Niemand muss seine Trauer erklären oder verstecken.
Und dann entsteht nach und nach ein Lichtermeer.
Unfassbar viele Kerzen brennen durch die Nacht. Jedes Licht steht für ein Kind, das fehlt und für immer zu seiner Familie gehört. Gemeinsam bringen wir Licht an diesen Ort.
Ich stehe dort und empfinde vor allem Dankbarkeit. Für die Menschen, die gekommen sind, für alle, die diesen Tag möglich gemacht haben – vor allem den ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern als auch unseren Kooperationspartner:innen - und für die Begegnungen und die Geschichten, die mir anvertraut wurden. Ich bin dankbar für das Gefühl, mit all diesen Menschen verbunden zu sein.
Damals, 2003, stand ich mit meiner Trauer allein. Heute stehen wir zu Hunderten zusammen.
Wir können nicht verhindern, dass Kinder viel zu früh sterben. Was wir verändern können, ist der Umgang damit, dass ihre Familien gesehen werden und ihre Kinder nicht unsichtbar bleiben. Niemand muss mit seinem Verlust allein bleiben.
Gemeinsam mit dir.
Auch im kommenden Jahr möchten wir am 15. Oktober wieder gemeinsam durch Frankfurt gehen und an früh verstorbene Kinder erinnern.
→ Alle Informationen zum nächsten Lauf für mehr Licht 2027 findest du auf unserer Seite zum Weltgedenktag.
Erinnern in Bildern
Die Momente dieses Tages lassen sich selbst mit Worten nur schwer festhalten: die vielen Menschen auf dem Römer, die gelben Luftballons in den Straßen Frankfurts, Begegnungen am Wegesrand und schließlich die Lichter am Hauptfriedhof.
Einige Bilder sind bereits in diesem Rückblick enthalten. Weitere Augenblicke sind in unsere Bildergalerie vom Lauf für mehr Licht 2026 bewahrt. Alle Bilder stammen von Fotografin Lisa Neubecker.
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